Off-Topic: RheinEnergie und die psychologische Kriegsführung

Was muss man tun, damit eine Menge von Menschen kleiner wirkt, als sie in Wirklichkeit ist? Man muss sie in einen großen, sehr großen Raum packen, einen Raum mit einzelnen Stehtischen, einzelnen Infoecken und weiten Räumen dazwischen. Dies tat die RheinEnergie heute, als sie im Kontext des geplanten 380kV-Kabels unter dem Niehler Damm zum „Nachbarschaftsdialog“ einlud. Ganz im Sinne guter PR-Arbeit ließ sie nichts unversucht, die Herzen der Menschen zu gewinnen: Es gab Essen und Trinken, für jeden Gast ein Namensschild, einen Kugelschreiber und einen Schreibblock.
Durch die Veranstaltung führte ein professioneller Moderator, dessen Aufgabe vor allem darin bestand, mit Hilfe veralteter Methoden der Erwachsenenbildung die versammelten Menschen aus dem Plenum herauszukomplimentieren, damit diese in Kleingruppen im sachlich-emotionslosen Dialog mit Vertretern der RheinEnergie plaudern konnten.

Nachdem die Gruppenarbeitsphase beendet war, durften jeweils die Verantwortlichen der Infotische ihre Ergebnisse vorstellen. Fazit: die RheinEnergie nimmt die Ängste der Bevölkerung ernst und guckt mal, ob man auch woanders die Kabeltrasse bauen kann. Falls das aber nicht klappt, müsste trotzdem unter dem Niehler Damm verlegt werden.

Am Ende der Veranstaltung war Herr Dr. Cerbe aus dem Vorstand der RheinEnergie sehr aufgebracht. Im Film „Avatar“ gibt es eine Szene, die sehr daran erinnert:

„Wir bieten Ihnen Medikamente an und Bildung. Straßen! Aber nein – sie leben gern im Dreck.“

Im Film sagt dies ein irdischer Soldat über die Eingeborenen des Planeten, dessen Ressourcen ausgebeutet werden sollen. Die Menschen gaben diesen Schulen, Krankenhäuser und Straßen im Gegenzug dazu, dass sie ihnen ihre Bodenschätze nahmen. Nur: die Eingeborenen wollten keine Schulen, Krankenhäuser oder Straßen. Wie undankbar.
Herr Dr. Cerbe beschwerte sich darüber, dass der „Nachbarschaftsdialog“ nicht so angenommen wurde, wie er es gerne gehabt hätte. Wurde doch immerhin Catering herangeschafft und eine ganze Turnhalle extra mit Teppichboden ausgelegt. Und es ist doch so – so Herr Cerbe – dass er und seine über 1000 Mitarbeiter tagtäglich dafür sorgen würden, dass wir alle Licht hätten und Fußball im Fernsehen gucken könnten. Es hatte Wirkung: eine Stimme aus dem Publikum fragte denn nun auch ängstlich, ob der Ärger des Herrn Cerbe dazu führen würde, dass das Kabel – jetzt erst Recht – auf dem Niehler Damm verlegt werden würde. So ähnlich muss es im Mittelalter gewesen sein, wenn in Ungnade gefallene Untertanen vor dem Herrscher nieder fielen, um zu vermeiden, dass ihr ganzes Dorf in Brand gesteckt wird.
Herr Cerbe gab sich gnädig: Nein, er würde auch andere Möglichkeiten prüfen. Ach, die RheinEnergie: Sie gibt uns Strom! Sie gibt uns Fußball! Sie tut Gutes für uns! Und wir, die Menschen sind so undankbar…

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3 Kommentare

  1. Aber trotzdem wird mensch sich nicht Sand in die Augen streuen lassen;……
    Es wurde gefordert die „Alternatv-Trasse ernsthaft zu prüfen!“
    Es gibt ein Recht auf Beteiligung und natürlich auf eigene Meinungsbildung- die Niehler und Niehlerinnen werden nicht so einfach ruhig bleiben…..Es gibt ein Recht auf Protest- wenn etwas gegen die Interessen der Bevölkerung geschiet!!!!
    So war in der Lokalzeit am 2.Mai 2013 einiges zu sehen………

    1. Und wie ist das Ganze ausgegangen? Positive Ergebnisse verkündet der deutsche Wut- und Protestbürger wohl nicht gerne.. Und wenn dann nur in einem lächerlich kleinen Beitrag…
      Kann man ja auch nicht so schön reißerisch aufmachen..

      1. Vielen Dank für Ihren Kommentar, auf den ich gerne eingehen möchte. Zunächst einmal möchte ich darauf hinweisen, dass Sie das System „Blog“ berücksichtigen müssen, wenn Sie kritisieren, dass auf den Ausgang der Geschichte nicht eingegangen wird. Ein Post ist jeweils eine Momentaufnahme. Sie haben zu Recht darauf hingewiesen, dass an anderer Stelle sehr wohl vom Ausgang berichtet wird, wenn auch in diesem Blog nur kurz. Aber hier wird eine anderer technischer Sachverhalt sichtbar: Sie lesen hier einen Text im Internet, welcher durch Verlinkungen lebhaft wird. Der kurze Text zum Ausgang etwa wird durch einen längeren Text auf einer anderen Homepage ergänzt. Sie müssen diese beiden Texte also im Zusammenhang sehen.

        Eine andere Aussage von Ihnen fand ich sehr spannend, nämlich diejenige über den deutschen „Wutbürger“. Der kleine Hobbysoziologe in mir findet es zum Beispiel recht spannend, dass dieser Begriff immer dann in den Medien verwendet wird, wenn Bürgerinteressen gegen Wirtschaftsinteressen stehen. Anders gesagt: der „Wutbürger“ wird immer dann hervorgeholt, wenn ein Wirtschaftsunternehmen nicht einfach im reinen Eigeninteresse Bauvorhaben durchsetzen kann, sondern sich die Anwohner, die von diesen Bauvorhaben negativ betroffen sind, dagegen wehren. Man könnte fast meinen, dass die PR-Abteilungen großer Wirtschaftsunternehmen das Wort „Wutbürger“ erfunden hätten, um all diejenigen zu diskreditieren, die ein berechtigtes Interesse daran haben, dass sie gesund, bezahlbar und vielleicht auch noch schön wohnen.

        Vielleicht habe ich Sie aber auch missverstanden.

        Wenn Sie mit „Wutbürger“ solche Menschen meinen, die ihre Bürgerrechte in einem demokratischen Staat wahrnehmen, wenn Sie damit Menschen meinen, die politische Teilhabe ernst nehmen und sich auch gegen Widerstand friedlich für ihre Interessen einsetzen, dann bin ich gerne ein solcher „Wutbürger“.

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